„Vinter“ von Literaturnobelpreisträger Jon Fosse
„Vinter“ spielt in einer eigenen Liga. (…) bietet Schönes wie Schreckliches, hat Genuss- und Gänsehautmomente, ist teils bizarr und stets besonders.(…) ein selten gespieltes Meisterwerk.“
(Oberhessische Presse)
In einer fremden Stadt kreuzen sich die Wege zweier Menschen. Ein flüchtiger Moment wird zum Wendepunkt, und aus einer zufälligen Begegnung erwächst eine Leidenschaft, die das Leben aus den Angeln hebt. Jon Fosse entführt uns in eine Welt, in der das Gewohnte plötzlich fremd und das Unmögliche verführerisch wird.
In der multimedialen Inszenierung von Steffen Schmidt verschmelzen klassisches Erzähltheater mit einem filmischen Soundtrack und Video zu einem intensiven Erlebnis über Verlangen, Verlust und den schmalen Grat zwischen Halt und Haltlosigkeit.
Eine Co-Produktion von Waggonhalle Kulturzentrum und Werkraum56
Fotos: Hasret Sahin, Gerd Sycha, Werkraum56
| Die Frau | Frauke Oberländer |
| Der Mann | Nisse Kreysing |
| Regie | Steffen Schmidt |
| Regie-Assistenz | Helga Niehaus |
| Audio | Clemenz Korn |
| Produktions-Assistenz | Aleyna P. |
| Produktionsleitung | Matze Schmidt |
Oberhessische Presse, 19.01.2026
Eine Wahnsinnsliebe
Drama in der Waggonhalle: „Vinter“ von Jon Fosse gibt der Sehnsucht eine Stimme
Von Sabine Jackl
Marburg.
Treffen sich eine Einsame und ein Ehemann. Sie räkelt sich in den Laken. Er sitzt still und guckt. Nicht zu ihr. Obwohl im selben Raum, liegen Welten zwischen ihnen. Mit dem Rücken zum Publikum erhebt sie sich im hinteren Bühnenteil, vorn ruht er aus. In einem Straßencafé? Vorher hat er viel fotografiert: „Ich sammele Menschen.“
Ein selten gespieltes Meisterwerk
Der Mann knipst sich durch die fremde Stadt, noch ist Zeit bis zum Geschäftstermin. So viele Leute hier, dass er mit derKamera kaum hinterherkommt. Erst einmal hinsetzen. Die Zuschauer, punktgenau in die Vorstellung gelassen, nehmenzeitgleich Platz. Jetzt sind alle Teil von „Vinter“.
Das Drama des Literaturnobelpreisträgers Jon Fosse hatte vor 26 Jahren Uraufführung in Stavanger. Das Zweipersonenstück ist zuletzt selten im deutschsprachigen Raum gespielt worden. Als „Waggonhalle Produktion No. 45“ ist „Vinter“ im Repertoire des Marburger Kulturzentrums.
Am vergangenen Wochenende hat sich erneut gezeigt, wie bereichernd ein Besuch sein kann. Laut Wikipedia ist Fosse „derbekannteste norwegische Dramatiker seit Ibsen“. Ein Nahtoderlebnis in der Kindheit habe ihn zum Schriftsteller gemacht, sagtder 66-Jährige, in der Branche auch „Fürst der Finsternis“ genannt.
Mit „Vinter“ erzählt er eine Amour fou in 80 Minuten und vier Szenen. Die minimalistische Textvorlage ist ein kunstvollesFlechtwerk aus tiefer Trübnis und hoher Hoffnungslosigkeit, mittendrin ein Faden Lebensgier. Unter der Regie von SteffenSchmidt und in Kooperation mit seiner Agentur „Werkraum 56“ ist eine erlesene multimediale Inszenierung entstanden. Sie bietet Schönes wie Schreckliches, hat Genuss- und Gänsehautmomente, ist teils bizarr und stets besonders.
Multimediale Inszenierung: Wenn Theater zur Kunst wird
Ein Faszinosum für das Publikum, dessen Schlussapplaus bekräftigt: „Vinter“ spielt in einer eigenen Liga. Während sich NisseKreysings Mann von der würgenden Krawatte und seiner Ehe zu befreien sucht, schmeißt sich Frauke Oberländers Frau andiesen Mustergatten heran. Die Verzweiflung ist unsagbar groß. Dank der schauspielerischen Souveränität beider Künstler sinddie seelisch wie körperlich entblößten Figuren nie der Peinlichkeit ausgesetzt. Abgründe gäbe es genug, doch dieGratwanderung gelingt.
Im Hintergrund laufen Projektionen auf großer Leinwand. Großstadtbilder, kreisender Straßenverkehr, pulsende Grafiken rahmen ein Riesenbett, das bühnenmittig auf einem Podest thront. Je nach Stimmung leuchtet es blutrot, eisblau, totengrau.Dazu eine Musik (Audio: Clemenz Korn). „I put a spell on you“ zieht in den Bann. Wie schön ist das denn? Leider jetzt machtdie Frau den Mund auf, unaufhörlich stößt sie aus: „Du! Duu? Duhuuu!! Bist du es? Ich bin es, deine Frau!“ Der Mann steht und schweigt. Seine Frau ist die da nicht. Und sie nervt.
Erotik und Elend: Eine emotionale Achterbahnfahrt
Nach den ersten Minuten voller „du, oder, ja?“ und „Sag was!“ möchte man rufen: „Halt die Klappe!“ Dem angemachten Mann geht es wohl ähnlich. Als sie in lasziven Windungen auf dem Bühnenboden landet, fragt er: „Brauchen Sie Hilfe?“Endlich! Sie wird sich beruhigen.
Eine Handlung wird beginnen und Frau mitsamt Mann im Liebesrausch verschmelzen. Könnte schön sein. Doch dietraumhafte Erotik ist ein traumatisches Elend. Hilfe brauchen offensichtlich beide Menschen. Im verbalen Duett nähern sich dieSchicksalsgebeutelten an – und stoßen sich sofort wieder ab. Locken, blocken, verführen, verstoßen, locken … Er ist am Köder. Ihr Angebot „Sollen wir wohin gehen?“ führt ins Hotelzimmer, auf das monströse Bett.
Feuerrot leuchtet es, und auch sonst wird manches Klischee bedient. Was trägt sie darunter? Schwarze Spitze. Wer zieht sich nicht aus? Der Mann. Nächstes Bild, schwarz-weiße Katerstimmung. Die Fraugeifert sich in Hysterie mit schier endlos gezischtem „Schwanzlutschen“. Muss arg für sie gewesen sein. Auch dem Publikum wird’s unbequem. Doch Regisseur SteffenSchmidt macht auf noch dickere Hose, lässt den Rapsong „Winter“ einspielen mit ganz eigener Poesie: „Null Grad im November und wir ficken blind“.
Immerhin: Der Mann weiß jetzt, dass jenseits des Riesenbetts „alles Quatsch“ ist. An seinem Finger ist kein Ring mehr.
Die Bühne taucht in Hoffnungslicht. Beide stehen Hand in Hand: „Wir fahren weg.“ Graues Leben war gestern, oder?Ja? Sag was! Ach, vielleicht tut’s auch ein Lied: Mit „Summertime Sadness“ öffnet sich eine Zukunft und schließt sicheindrucksvoll der theatralische Kreis.